Montag, 20. November 2017

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Fluchtursachen kompakt – Syrien

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Koblenz. Dr. Oliver Piecha, Historiker aus Wiesbaden, hat am Montag (6. November) in Koblenz den Versuch unternommen, Grundzüge der aktuellen Konfliktlinien in Syrien darzustellen.

Das Geflecht sei „unüberschaubar“, oft regelrecht „schizophren“, betrachte man die dahinter liegenden machtpolitischen Interessen. Es sei schwierig zu ermitteln, wer gegen wen warum kämpfe. Sein Vortrag im Rahmen des 4. „Salon in der Suptur“ machte deutlich, dass die 2011 im Nahen Osten aufgekeimte Freiheitshoffnung vieler Menschen durch den sogenannten „Arabischen Frühling“ sich nicht hat durchsetzen können. Der im 6. Jahr andauernde blutige Krieg in Syrien sei eine „Kampfarena für die Regionalmächte“ Türkei, Golfländer, Iran oder die sich wegen schwindender Ressourcen zurückziehenden USA. Syriens Staatspräsident Baschar Hafiz al-Assad repräsentiere den „perfekten Führerstaat“ (Baathismus). Am Flughafen in Damaskus grüßt ein Schild mit der Aufschrift „Welcome to Syria Al Assad“ – Präsident und Staat sind eins.

Stand der Dinge unvollständig erfasst

Es gibt etwa 23 Millionen Syrer. Mittlerweile sind ca. 500.000 Kriegstote zu beklagen. Die Zahl der Flüchtlinge liegt bei 5.163.650. Hinzu kommen etwa 7 Millionen innerhalb des Landes Vertriebene (IDPS).

Fluchtursachen sind zum Beispiel Kampfhandlungen, ethnische Säuberungen, der ökonomische Kollaps, Luftangriffe, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit.

 

Das UNHCR (Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen) schätzt die Kosten für nötige Hilfeleistungen auf 4.633.255.733 Milliarden Dollar. Die Wiederaufbaukosten liegen bei geschätzt 200-300 Milliarden Dollar. Der syrische Staatshaushalt 2017 umfasst 5 Milliarden Dollar.

In eigene Worte gefasst – Podiumsdiskussion

Eine Journalistin, ein Chirurg und zwei Studenten haben die Auswüchse des Krieges in ihren ehemaligen syrischen Heimatsregionen geschildert.

Ein Bericht über Giftgasangriffe der syrischen Regierung führte zur Verhaftung und Folterung der Journalistin. Während einer kurzfristigen Unterbrechung der Untersuchungshaft kam das Gerichtsurteil: sechs Jahre Haft.

Dem Chirurgen an einem Krankenhaus in Homs hat der syrische Geheimdienst vorgeworfen, er leiste bewaffneten Widerstand. Man forderte ihn auf, die Namen von Patienten zu nennen, die gegen das Assad-Regime seien. Diese sollten nicht weiter medizinisch behandelt werden. Der Arzt empfand das als Bespitzelung und Verstoß gegen sein Berufsethos.

Ein Student plante, mittels eines Visums der Deutschen Botschaft legal nach Deutschland zu kommen. Man verpflichtete ihn, den Besitz von 8000 Euro nachzuweisen, um für den eigenen Lebensunterhalt aufkommen zu können. Seine Eltern waren bereit, ihre einzige Immobilie zu verkaufen, um den Weg freizumachen. Am Wochenende vor Abschluss des Vertrags fiel eine Bombe auf das Gebäude.

Drei junge Männer, eine Frau, ihre beiden Söhne und der Ehemann entschieden sich für die Flucht. Mit Schleusern. In Booten. Über Griechenland, die Balkanroute entlang, kamen sie 2015 nach Deutschland. “ In meinem Rucksack hatte ich Socken und eine Unterhose“, schildert einer der Studenten seine Ausgangssituation im neuen Land. Zurück nach Syrien? „Nur, wenn das Assad-Regime nicht mehr an der Macht ist.“

Selbst den Auslöser gedrückt

Eine Fotoausstellung der Initiative Asklepeion zum Thema „Follow our vision“ gewährte seltene Einblicke in den Alltag von Menschen auf der Flucht. Sämtliche Bilder zeigen die persönlichen Perspektiven der Fotografinnen und Fotografen. Zur Verfügung gestellt wurde die Ausstellung von M.A. phil. Peter-Erwin Jansen, Dozent für Soziologie an der Universität Koblenz.

Vertraute Klänge mit Fremden geteilt

Musikalisch begleitet hat den Abend ein syrisch-afghanisches Duo mit landestypischen Blas- und Zupfinstrumenten sowie Gesang zu den Themen Liebe oder Heimat. Sie gehören zum interkulturellen Musikprojekt “Musik-Live-Tonspuren“.

Die mehr als 50 Gäste des „Salon in der Suptur“ blieben noch lange zu vertiefenden Gesprächen bei Brot und Getränken beisammen. Der Eintritt zu dieser Veranstaltung war frei. Um Spenden für Bedürftige in der Region Koblenz wurde gebeten.

Gefördert durch das Weiterbildungszentrum Ingelheim (WBZ), die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und die Diakoniestiftung Koblenz.

Text: Katrin Püschel; Bilder: Marita Weyand.