Samstag, 25. November 2017

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Vor 75 Jahren wurden Kirchenglocken erneut für Kriegszwecke beschlagnahmt

Oberlahnsteiner Pfarrers Dekan Müller von 1927 sollte nicht lange gelten. 1942 wurden von den Nationalsozialisten auf Befehl von Reichsmarschall Hermann Göring alle Kirchenglocken außer der kleinsten beschlagnahmt. Sie sollten wie ihre Vorgänger eingeschmolzen und im Rahmen der Waffenproduktion verarbeitet werden. Stumm und verbissen, aber ohnmächtig, musste die Bevölkerung dulden, dass ihre erst 1927 feierlich eingeweihten Glocken St. Martinsglocke, St. Jakobsglocke, St. Michaelsglocke und die Ave-Maria-Glocke im März 1942 in aller Stille abgehangen und zur Sammelstelle am Braubacher Bahnhof gefahren wurden. Das Gleiche geschah mit den beiden größeren Glocken der evangelischen Kirche. Zurück blieben in der Martinuskirche die St. Margareta-Glocke und in der evangelischen Kirche die Friedensglocke mit dem mahnenden Spruch „Der Friede sei mit Euch“. Bei der Herausnahme der Glocken aus der Martinuskirche wurden auch die Schlagvorrichtung und das Triebwerk der Turmuhr mutwillig beschädigt. Niemand wagte damals zu hoffen, das einzigartige Geläut noch einmal wiederzusehen und wiederzuhören, kannte man doch das Szenario noch aus dem Ersten Weltkrieg.

Auch die Pfarrei St. Barbara in Niederlahnstein durfte nur eine Glocke behalten. Allerdings gehörten zur Pfarrei St. Barbara drei Kirchen mit insgesamt neun Glocken. Acht wurden beschlagnahmt. Gerade vier Jahre waren der jüngsten Glocke (St. Josefsglocke) im Turm der neuen St. Barbara-Kirche vergönnt, die zusammen mit den drei, 1929 gegossenen aus der alten Barbarakirche, 1939 dorthin auf- bzw. umgehängt worden waren. Nun wurden alle vier für Rüstungszwecke abgehangen, ebenso drei aus der Johanniskirche, die man im Ersten Weltkrieg erfolgreich vor der Ablieferung verteidigt hatte. Die 1900 kg schwere Johannesglocke wurde am 25. Juli 1942 regelrecht aus dem Turm herausgeworfen. Man dachte einige Strohbündel am Boden würden die Wucht des Sturzes mildern, aber sie zersprang in Stücke. Nur die älteste, um 1330 gegossene Evangelistenglocke (im Volksmund „Apolloniaglocke“), blieb von der Abgabe verschont. Die Allerheiligenbergkapelle besaß vor dem Ersten Weltkrieg drei Glocken; zwei wurden damals abgeliefert und eingeschmolzen. Die dritte war eine alte Glocke von 1583, die man im Jahr 1900 von der Kirchengemeinde Oberlahnstein käuflich erworben hatte. Sie wurde am 22. Juli 1942 für Rüstungszwecke abgegeben, ebenso das Glöcklein der Krankenhauskapelle in der Bergstraße.

Nach Kriegsende bemühten sich die Pfarreien um Auskunft über das Schicksal ihrer Glocken. Die Protestanten hatten erneut Pech: Ihre Glocken blieben verschollen und mussten durch Neuguss (1955) ersetzt werden.

Die Katholiken in Niederlahnstein bekamen nur eine Glocke im März 1948 zurück, nämlich die alte Martinsglocke von 1583. Sie hatte einen Sprung und musste umgegossen werden. Seither hängt sie wieder in der Kapelle auf dem Allerheiligenberg. Für die Barbarakirche wurden 1951 bzw. 1964 jeweils zwei neue Glocken beschafft und aufgehängt. Auch das Glöcklein der Krankenhauskapelle Bergstraße blieb verschollen und bekam aus Spenden von Freunden und Nachbarn ein neues Glöckchen.

Die Katholiken in Oberlahnstein hatten dieses Mal Glück, ihren Glocken blieb das Schicksal des Einschmelzens erspart. Auf eine langwierige Umfrage bei den verschiedensten Stellen teilte 1947 der Provinzialkonservator von Schleswig-Holstein mit, dass drei Glocken von Oberlahnstein auf einem Sammellager in Hamburg-Altona gefunden wurden, wohin sie im Mai 1942 auf Wartestellung abgestellt worden waren. Per Schiff wurden sie nun vom Hamburger Hafen über Holland nach Koblenz gebracht. Im Koblenzer Moselhafen wurden sie von der Firma Otto Kaiser abgeholt und zur Kirmes 1947 feierlich in Lahnstein begrüßt. Pfarrer Paul Hergenhahn segnete die Glocken und sprach mit bewegter Stimme: „Mit der Heimkehr dieser Glocken schließt nun wieder eine Wunde in unserer Gemeinde“.

Die größte Glocke der Martinuskirche, die St. Martin-Glocke, wurde von einem Privatmann namens Carl Kirchner aus Leimbach im Südharz auf einem Lagerplatz in Hettstedt/ Harz entdeckt Sein Brief an den Kirchenvorstand traf am 11.6.1946 in Oberlahnstein ein. Der Lagerplatz befand sich in der sowjetischen Besatzungszone und es erschien aussichtlos, sie von dort in die Westzonen zu überführen. Nach dreijähriger Verhandlungszeit gelang es den Behörden, die Glocke im Zuge eines Austauschs über Düsseldorf in den Westen zu bekommen. Zur Kirmes 1949 war es dann endlich soweit. Ein mit vier Pferden bespannter Wagen brachte die mit Girlanden geschmückte 5,7 Tonnen schwere Glocke zum Kirchenvorplatz, wo sie von der Geistlichkeit, den Fahnenträgern und einer tausendköpfigen Menge empfangen wurde. Der Kirchenchor sang „Die Himmel rühmen“, Pfarrer Paul Hergenhahn segnete die Glocke, mit dem Wunsch, dass sie „nur noch die Stunden des Friedens mit ihrer ehernen Stimme einläuten möge“. In der folgenden Woche wurde sie von den Firmen Kaiser und Schnaß im Südturm wieder aufgehängt. Bereits am 24. September 1949 erklang ihr Läuten aus dem noch offenen Glockenstuhl. Sie ist bis heute die größte Glocke zwischen Köln und Mainz.

Foto 1 zeigt die Glocken der kath. Kirche St. Martin beim Abtransport 1942 (Foto Karl Pott)

Foto 2: Feierlicher Empfang anlässlich der Rückkehr 1947 (Slg. Stadtarchiv Lahnstein)

Foto 3: Einbau der großen Martinsglocke 1949 (Slg. Stadtarchiv Lahnstein)